Mythen und Märchen
Märchen sind wie Mythen weder der Ausdruck romantisch unterstellter
„Volksseelen", noch sind sie der bloße Abklatsch unerklärlicher
Naturerscheinungen.
Sie sind auch nicht „Ur-Ideen" der Menschheit wie „Liebe" und „Tod",
und sie machen zu ihrer Deutung weder das Hantieren mit ungreifbaren
seelischen „Archetypen" noch mit ins Bild gesetzten neurotischen
„Komplexen" nötig.
Sie sind, wie die Mythen, Abbilder der komplexen Praxis archaischer
Gesellschaften, und so wie wir sie betrachten, in erster Linie
matriarchaler Gesellschaften.
Deshalb gilt die kulturhistorische Deutung der Märchen,
die das matriarchale Denken einbezieht, als die einzige, die eine
wissenschaftliche Grundlage hat, und damit als die einzige, die uns
bleibende Erkenntnis bringen kann.
Märchen galten in der Romantik als abgesunkene Mythen. Das
Argument lautete, dass die Märchen „einfacher" seien als die Mythen,
denn sie bewahrten nicht deren komplizierte Struktur und auch nicht
die schwierigen mythologischen Namen. Darum müssten die Märchen, als
das „Einfachere", früher entstanden sein als die Mythen.
Heute tendiert man wieder zur ersten Ansicht, die ich selbst
nachdrücklich unterstütze, da sich die Gattungsunterschiede zwischen
Mythen und Märchen leicht durch den sozialen Prozess des „Abstiegs"
erklären lassen.
Diese Gattungsunterschiede entstanden nicht, weil das „Volk"
unfähig war, das komplexe Gefüge des Mythos und die mythologischen
Namen im Gedächtnis zu behalten und deshalb angeblich den Aufbau
versimpelte und die Gestalten typisierte, sondern weil der namentlich
erzählte matriarchale Mythos in patriarchalen Gesellschaften mit ihren
dogmatischen Großreligionen als „feindlich" oder „heidnisch" galt und
sich deshalb für Uneingeweihte nicht zu erkennen geben durfte.
Wir brauchen zur Verbildlichung dieser Situation nur ans
europäische Mittelalter zu denken mit dem langsamen und schwierigen
Durchsetzungsprozess der christlichen Kirche gegen die älteren
heimischen Religionen, die allesamt eine matriarchale Grundlage
hatten.
Das alte matriarchale Weltbild wurde deshalb dort,
wo es ungebrochen weiterlebte: in den sozialen Unterschichten und
den geographischen Randgruppen, verschleiert weitergegeben.
Statt von der Ur-Mutter oder Ahnin zu reden, wird nur noch von „der
Mutter" gesprochen, statt von der Tochter als Fortsetzung des
urprinziplichen Zyklus wird von „der Prinzessin" gesprochen.
Individuelle Ahnen- und Geister-Gestalten werden zu namenlosen
Prototypen, ihr verbotener Kult bleibt damit geheim. Aber die alte
mythische Struktur, in der diese Gestalten sich bewegen, erhält sich
unverändert.
So vermittelt das Märchen als verkappter Mythos noch immer dieselbe
spirituelle Botschaft, und es ist genauso kompliziert wie dieser.
„Deutsche" Märchen gibt es nicht, höchstens in Deutschland
gesammelte. Jedes einzelne Märchen gehört zu einem internationalen
Erzählschatz, wie seine Varianten zeigen.
Um Märchen zu erschließen ist es notwendig, alle Varianten
heranzuziehen, um einerseits das volle Symbolfeld zu gewinnen,
andererseits um die ganze Sequenzenlänge zu rekonstruieren, die oft
halbiert worden ist.
Bezeichnenderweise umfassen diese Varianten einen Raum, der über
Europa hinaus ins mittelmeerische Gebiet verweist und von da über den
Vorderen Orient bis nach Indien - genau den Raum der hoch entwickelten
matriarchalen Religionen.

Quelle: gekürzter und geänderter Text aus Heide
Göttner-Abendroth,
Die Göttin und ihr Heros. |