Schlange
Da die Schlange ihre alte Haut abstreift,
Winterschlaf hält und im Frühjahr wieder erscheint, galt sie bei
unseren VorfahrInnen als Symbol der Erneuerung und Wiedergeburt.
Die GriechInnen nannten die abgelegte Haut der
Schlange geras, "Altersschwäche". Die ChinesInnen stellten
sich die Auferstehung vor wie eine Person, die ihre alte Haut
aufschlitzt und, der Schlange gleich, als Jugendliche daraus
hervorgeht. Die MelanesierInnen sagen, "die Haut abzustreifen"
bedeutet ewiges Leben.
In dem italienischen Ausdruck aver piu anni
d'un serpente - "Älter sein als eine Schlange" sind ewiges Leben
und Schlangendasein immer noch aufeinander bezogen.
"Schlange des Nils" war nicht nur der Titel
Kleopatras, sondern aller ägyptischen Königinnen.
Die alterslose Schlange wurde ursprünglich mit der
Spirale, dem kosmischen Symbol der Lebensenergie, gleichgesetzt.
Aus dem Hinduismus kennen wir die Kundalini, die
innere weibliche Seele der Menschen, die sich schlangenhaft
zusammengerollt im Becken befindet und durch die richtige Yoga-Praxis
dazu gebracht wird, sich zu entrollen und durch die Chakren zum Kopf
hin aufzusteigen und so Erleuchtung zu bringen. (Siehe auch die Abb.
der kretischen Schlangengöttin in
Yoga-Haltung.)
Die alte ägäische Welt verehrte in erster Linie
Frauen und Schlangen. Bis zum Ende der Bronzezeit nahmen Männer an den
religiösen Zeremonien nicht teil!
Allmählich machten sich aber die dominatorischen Eroberer breit und
es entstanden in verschiedenen Gegenden auch deren männliche
Gottheiten. Auf babylonischen Walzensiegeln ist dargestellt, wie die
"Herrin der Schlangen" über ihrem Gemahl, dem Gott Pazuzu, ("Der mit
dem Schlangenpenis") hockt. Als Herr des Todes opferte er sich selbst,
um von der Göttin verschlungen zu werden.
Das Bild von der männlichen Schlangengottheit, die von der
weiblichen umschlossen und verschlungen wird, ließ eine sonderbare
Vorstellung vom Sexualleben der Schlangen aufkommen; sie wurde von
Plinius geschildert und noch bis ins 20. Jahrhundert in Europa
ernsthaft geglaubt: das Schlangenmännchen sollte seinen Kopf in das
Maul seiner Partnerin stecken und sich von ihr auffressen lassen.
Die männliche Schlangengottheit wurde zum phallischen Gatten der
Großen Mutter, manchmal galt er als "Vater" der Menschheitsvölker,
weil er der ursprüngliche Gefährte der Mutter war. In manchen Mythen
war er nicht mehr als ein lebendiger Phallus, den sie sich zu ihrem
sexuellen Vergnügen geschaffen hatte.
Als dieser Schlangen-Schöpfer sich in seiner Überheblichkeit zu der
Behauptung verstieg, das Universum allein geschaffen zu haben,
bestrafte ihn die Göttin, indem sie ihn mit der Ferse zermalmte und
ihn in die Unterwelt verbannte.
Auf dieser Version des Schöpfungsmythos gründeten die
Juden ihre Meinung, dass Evas Nachkommenschaft der Schlange den Kopf
zertritt; auf ihr beruhte auch die rabbinische Ansicht, die Schlange
sei der erste Geliebte der Eva und der wahre Vater des Kain gewesen.
Tatsächlich wurde die Schlange in Palästina schon verehrt, lange
bevor es den Jahweh-Kult gab. Die frühen Hebräer über nahmen den Kult
des zu ihrer Zeit überall verehrten Schlangengottes; die Angehörigen
des jüdischen Priesterstammes der Leviten nannten sich "Söhne der
großen Schlange Leviathan". Der Leviathan ("Der sich Windende") wurde
gemeinsam mit seiner Göttin, der Mondin verehrt.
Die Schlangenverehrung wurde auch später noch in Israel
fortgesetzt. Jüdische Münzen aus dem ersten und zweiten Jahrhundert v.
Chr. zeigen Jehovah als Schlangengott.
In vielen gnostischen Schriften wird die Schlange des Paradieses
dafür gepriesen, dass sie der Menschheit gegen den Willen eines
tyrannischen Männer-Gottes, der die Menschen in Unwissenheit halten
wollte, das "Licht" des Wissens gebracht hat.
Hypostase der Archonten
Dieses gnostische Evangelium heißt übersetzt "Wirklichkeit der
Herrscher" und wurde um das 3. Jahrhundert n.Chr. geschrieben. Es
enthält eine alternative Version des Mythos von Adam und Eva. Die
Hypostase der Archonten offenbart, dass die Schlange ein Totem
(*) der Göttin war. Letztere hatte offenbar Mitleid mit ihrer
schicksalsgeschlagenen Kreatur und unterrichtete sie, wie ewiges Leben
zu gewinnen sei.
(Kurzinfo "Gnosis")
* [tierisches, pflanzliches Wesen oder Gegenstand, als
zaubermächtiger Helfer verehrt, darf nicht getötet oder verletzt
werden]
Und in dem Evangelium heißt es weiter: "Das weibliche Prinzip der
Spiritualität kam von der Schlange, der Unterweiserin, und sie lehrte
Eva und sprach: Ihr werdet nicht sterben, denn es war aus Eifersucht,
was er (der tyrannische Gott) euch da sagte. Im Gegenteil werden eure
Augen geöffnet werden und ihr werdet den Göttern gleich werden und Gut
und Böse unterscheiden."
Und daraufhin verfluchte "der anmaßende Herrscher" (Gott) die
Schlange und die Frau.
[Nachzulesen bei Elaine Pagels: Versuchung durch Erkenntnis. Die gnostischen Evangelien.]
Einige gnostische Sekten verehrten sowohl Eva als auch die Schlange
wegen ihrer Bemühungen um die Menschheit. Und viele gnostische
Traditionen setzten die Schlange mit Jesus gleich.
Die augenblickliche Form der biblischen Geschichte ist
offensichtlich eine oft revidierte Version der ursprünglichen
Erzählungen von der Großen Mutter und ihrer Schlange.
Ein Beispiel, wie die Kirchenmänner die Mythen für
ihre Zwecke "drehen":
Im Frankreich des 13. Jahrhunderts wurde eine dem Christusbild
ähnelnde Schlange an einem Stab in der Osterwoche im Triumphzug zum
Taufbecken der Kirche getragen. Manchmal war der Fetisch eine riesige
ausgestopfte Schlange in der Art eines chinesischen Festdrachens. Die
Kirchenmänner versuchten, diesen Brauch umzudeuten, indem sie
behaupteten, die Schlange sei der Teufel, "der durch die Passion
Christi aus seinem Königreich vertrieben wurde". Eine schwache
Erklärung für einen Ritus, der bereits ein ehrwürdiges Alter hatte,
als das Christentum noch in den Kinderschuhen steckte.
[Nachzulesen bei Jacobus de Voragine: Legenda Aurea. Das
Leben der Heiligen. Aschaffenburg, 1986, Pattloch] |